Als Gott
die Welt geschaffen hatte und allen Kreaturen ihre Lebenszeit bestimmen
wollte, kam der Esel und fragte Herr, wie lange soll ich leben?
Dreißig Jahre, antwortete Gott, ist dir das recht?
Ach Herr, erwiderte der Esel, das ist eine lange Zeit.
Bedenke mein mühseliges Dasein: von Morgen bis in die Nacht schwere
Lasten tragen, Kornsäcke in die Mühle schleppen, damit andere
das Brot essen, mit nichts als mit Schlägen und Fußtritten
ermuntert und aufgefrischt zu werden! erlaß mir einen Teil der langen
Zeit. Da erbarmte sich Gott und schenkte ihm achtzehn Jahre. Der
Esel ging getröstet weg.
Da erschien der Hund . Wie lange willst du leben?' sprach Gott zu
ihm, dem Esel sind dreißig Jahre zu viel, du aber wirst damit
zufrieden sein. Herr, antwortete der Hund, ist
das dein Wille? bedenke, was ich laufen muß, das halten meine Füße
so lange nicht aus; und habe ich erst die Stimme zum Bellen verloren und
die Zähne zum Beißen, was bleibt mir übrig, als aus einer
Ecke in die andere zu laufen und zu knurren? Gott sah, daß
er recht hatte, und erließ ihm zwölf Jahre.
Darauf kam der Affe. Du willst wohl gerne dreißig Jahre leben?
sprach der Herr zu ihm, du brauchst nicht zu arbeiten wie der Esel
und der Hund, und bist immer guter Dinge. Ach Herr,
antwortete er, das sieht so aus, ist aber anders. Wenns Hirsenbrei
regnet, habe ich keinen Löffel. Ich soll immer lustige Streiche machen,
Gesichter schneiden, damit die Leute lachen, und wenn sie mir einen Apfel
reichen und ich beiße hinein, so ist er sauer. Wie oft steckt die
Traurigkeit hinter dem Spaß! Dreißig Jahre halte ich das nicht
aus. Gott war gnädig und schenkte ihm zehn Jahre.
Endlich erschien der Mensch, war freudig, gesund und frisch und bat Gott,
ihm seine Zeit zu bestimmen. Dreißig Jahre sollst du leben,
sprach der Herr, ist dir das genug? Welch eine kurze
Zeit! rief der Mensch, wenn ich mein Haus gebaut habe, und
das Feuer auf meinem eigenen Herde brennt: wenn ich Bäume gepflanzt
habe, die blühen und Früchte tragen, und ich meines Lebens froh
zu werden gedenke, so soll ich sterben! o Herr, verlängere meine
Zeit.
Ich will dir die achtzehn Jahre des Esels zulegen! sagte Gott.
Das ist nicht genug, erwiderte der Mensch. Du sollst
auch die zwölf Jahre des Hundes haben. Immer noch zu
wenig. meinte der Mensch. Wohlan, sagte Gott, ich
will dir noch die zehn Jahre des Affen geben, aber mehr erhältst
du nicht.
Der Mensch ging fort, war aber nicht zufriedengestellt.
Also lebt der Mensch nun länger, als siebzig Jahr.
Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell
dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines
Daseins.
Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach
der andern aufgelegt: er muß das Korn tragen, das andere nährt,
und SchIäge und Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste.
Dann kommen die zwölf Jahre des Hundes, da liegt er in den Ecken,
knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen.
Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen
den Beschluß. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch,
treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder.
Weit, weit
von hier da, wohin im Herbste die Schwalben fliegen wohnte
einmal ein König, der hatte elf Söhne und eine Tochter, namens
Elisa. Die elf Brüder, die jungen Prinzen, gingen mit dem Ordensstern
auf der Brust und dem Säbel an der Seite in die Schule; sie schrieben
mit Diamantgriffeln auf goldene Tafeln und lernten ebensogut auswendig,
als sie lasen; man konnte sogleich hören, daß sie Prinzen waren.
Die Schwester, Elisa, saß auf einem Stühlchen von Spiegelglas
und hatte ein Bilderbuch, das ein halbes Königreich gekostet hatte.
Ja, die Kinder hatten es sehr gut; allein so sollte es nicht bleiben.
Ihr Vater, der König über das ganze Land war, verheiratete sich
mit einer bösen Königin, die die armen Kinder gar nicht lieb
hatte, und dies konnten sie schon am ersten Tage deutlich merken. Auf
dem Schlosse war nämlich ein großes Fest, und die Kinder spielten:
»Es kommt Besuch«. Aber während sie sonst alle Kuchen
und Bratäpfel, die nur aufzutreiben waren, bekamen, gab ihnen die
neue Königin nur Sand und sagte ihnen, sie könnten ja so tun,
als ob es etwas Gutes wäre.
In der folgenden Woche brachte sie das Schwesterchen Elisa zu einer Bauernfamilie
aufs Land, und es dauerte gar nicht lange, da hatte sie den König
so sehr gegen die armen Prinzen eingenommen, daß er sich gar nicht
mehr um sie kümmerte.
»Fliegt hinaus in die weite Welt und sorgt für euch selbst!«
sagte die böse Königin, »fliegt als große Vögel
ohne Stimme!« Aber so schlimm, wie sie es gern gewollt hätte,
konnte sie es doch nicht machen. Sie verwandelten sich nämlich in
herrliche wilde Schwäne; mit einem sonderbaren Schrei flogen sie
zu den Schloßfenstern hinaus über den Wald und Park hinweg.
Es war noch ganz früh am Morgen, als sie an jenem Bauernhause, wo
Elisa noch schlafend in ihrem Bettchen lag, vorbeikamen; hier schwebten
sie über dem Dache, drehten ihre langen Hälse und schlugen mit
den Flügeln, aber niemand sah oder hörte es, und sie mußten
wieder weiter, hoch zu den Wolken empor, hinaus in die weite Welt. Sie
flogen zu einem großen dunklen Walde, der sich bis an das Meeresufer
erstreckte.
Die arme kleine Elisa aber stand in der Bauernstube und spielte mit einem
grünen Blatte, denn ein anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach
ein Loch in das Blatt und schaute hindurch zur Sonne empor. Da war es
ihr gerade, als ob sie die hellen Augen ihrer Brüder erblickte; und
so oft die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Wangen fielen, mußte sie
aller ihrer Küsse gedenken.
Ein Tag verging wie der andere. Wenn der Wind durch die Rosenhecken vor
dem Hause wehte, flüsterte er den Rosen zu: »Wer könnte
schöner sein als ihr?« Aber dann schüttelten die Rosen
die Köpfe und sagten: »Elisa ist es!« Und wenn am Sonntag
die alte Frau vor ihrer Türe saß und in ihrem Gesangbuch las,
da wandte der Wind die Blätter um und sagte zum Buch:
»Wer könnte frömmer sein als du?« »Elisa
ist es?« erwiderte das Gesangbuch, und was das Gesangbuch und die
Rosen sagten, war die reine Wahrheit.
Als Elisa fünfzehn Jahre alt war, sollte sie nach Hause zurückkehren.
Als jedoch die Königin sah, wie schön sie geworden war, wurde
ihr Herz von Zorn und Haß gegen sie erfüllt. Am liebsten hätte
sie sie auch in einen wilden Schwan verwandelt, aber das wagte sie doch
nicht sogleich, weil ja der König seine Tochter sehen wollte.
Am nächsten Morgen in aller Frühe ging die Königin in das
Bad, das aus Marmor erbaut und mit weichen Kissen und wunderschönen
Teppichen ausgestattet war, nahm drei Kröten, küßte sie
und sagte zu der ersten: »Setze dich auf Elisas Kopf, wenn sie in
das Bad steigt, damit sie so dumm wird wie du. Setze du dich auf
ihre Stirne«, sagte sie zu der zweiten, »damit sie so häßlich
wird wie du, und ihr Vater sie nicht erkenne. Ruhe an ihrem Herzen«,
flüsterte sie der dritten zu, »gib ihr einen bösen Sinn,
der ihr und andern Schmerzen verursacht.« Dann setzte sie die Kröten
in das klare Wasser, das sofort eine grünliche Farbe annahm, rief
Elisa, entkleidete sie und befahl ihr, in das Wasser hinabzusteigen. Als
nun Elisa untertauchte, setzte sich ihr die eine Kröte in das Haar,
die andere auf die Stirne und die dritte auf die Brust, allein Elisa schien
es gar nicht zu merken, und sobald sie sich wieder aufrichtete, schwammen
drei rote Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig
gewesen und nicht von der Hexe geküßt worden, so wären
sie in drei rote Rosen verwandelt worden; aber Blumen wurden sie trotzdem,
weil sie auf Elisas Haupte und an ihrem Herzen geruht hatten. Elisa war
zu fromm und unschuldig, so daß Zauberei ihr nichts anhaben konnte.
Als die böse Königin das sah, rieb sie Elisa mit Nußschalensaft
ein, so daß sie ganz schwarzbraun wurde, bestrich das liebliche
Gesicht mit einer stinkenden Salbe und verwirrte ihr herrliches, langes
Haar; nun war es unmöglich, die schöne Elisa wiederzuerkennen.
Als ihr Vater sie in diesem Zustand erblickte, erschrak er sehr und erklärte
ganz bestimmt, dies sei nicht seine Tochter. Niemand wollte sie wiedererkennen,
nur allein der Kettenhund und die Schwalben; aber das waren eben nur arme
Tiere, die nichts zu sagen hatten.
Da weinte die arme Elisa und dachte an ihre elf Brüder, die alle
verschwunden waren. Betrübt schlich sie zum Schlosse hinaus und wanderte
den ganzen Tag über Feld und Moor dahin, bis sie in den großen
Wald kam. Sie wußte zwar nicht, wohin sie wollte, aber in ihrer
großen Betrübnis sehnte sie sich nach ihren Brüdern, die
sicher auch gleich ihr in die weite Welt hinausgejagt worden waren; diese
wollte sie nun suchen.
Sie war noch nicht lange im Walde, da brach die Nacht herein. Sie war
ganz vom Wege abgekommen und wußte nicht aus noch ein. Da legte
sie sich auf das weiche Moos, sprach ihr Abendgebet und lehnte ihr Köpfchen
an einen Baumstumpf. Es war ganz still; die Luft war weich und lind; ringsum
im Moos und Gras leuchteten einem grünen Feuer gleich viele hundert
Johanniswürmchen, und als Elisa einen der Zweige leicht mit der Hand
berührte, fielen die glänzenden Insekten wie Sternschnuppen
zu ihr hernieder.
Die ganze Nacht hindurch träumte sie von ihren Brüdern. Sie
spielten wieder als Kinder, schrieben mit Diamantgriffeln auf goldene
Tafeln und betrachteten das herrliche Bilderbuch, das ein halbes Königreich
gekostet hatte; aber auf die Tafeln schrieben sie jetzt nicht mehr nur
Nullen und Striche, sondern die kühnen Taten, die sie ausgeführt,
und alles, was sie gesehen und erlebt hatten, und im Bilderbuch war alles
lebendig: die Vögel sangen; die Menschen traten aus dem Buch heraus
und sprachen mit Elisa und ihren Brüdern; aber wenn das Blatt umgedreht
wurde, sprangen sie schnell wieder hinein, damit keine Unordnung in den
Bildern entstehe.
Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Elisa konnte sie
zwar nicht sehen; denn die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht
und fest aus. Aber die Strahlen spielten dort oben wie ein wehender Goldflor;
ein köstlicher Duft entströmte dem grünen Laube, und die
Vögel hüpften herbei und setzten sich Elisa fast auf die Schultern.
Sie hörte das Wasser plätschern; denn es waren viele reiche
Quellen im Walde, die alle in einen Teich sich ergossen, wo der herrlichste
Sandboden war. Allerdings wuchs rings herum dichtes Gebüsch, aber
an einer Stelle hatten die Hirsche eine große Öffnung gebildet,
und hier ging Elisa zum Wasser hin und blickte hinein. Das Wasser war
so klar, daß sie, wenn der Wind nicht die Zweige der Bäume
bewegt hätte, fast hätte glauben können, sie seien auf
den Boden gemalt, so deutlich spiegelte sich jedes Blatt im Wasser wider.
Aber sobald Elisa ihr eigenes Antlitz erblickte, erschrak sie heftig,
so braun und häßlich war es; allein als sie ihre kleine Hand
ins Wasser tauchte und Augen und Stirne damit rieb, glänzte auch
die weiße Haut wieder hervor. Da zog sie rasch ihre Kleider aus
und stieg in das frische Wasser hinein; ein schöneres Königskind
gab es sonst nirgends auf der Welt.
Nachdem sie sich dann wieder angekleidet und ihr langes Haar geflochten
hatte, trank sie an einer der hervorsprudelnden Quellen aus ihrer hohlen
Hand und wanderte dann in den dunkelsten Teil des Waldes hinein, ohne
selbst zu wissen, wohin. Sie dachte an ihre Brüder und an den lieben
Gott, der sie gewiß nicht verlassen werde, und er, der die wilden
Apfel wachsen läßt, um die Hungrigen zu speisen, zeigte nun
auch ihr einen solchen mit Früchten reich beladenen Baum. Hier hielt
sie ihr Mittagsmahl, stützte die sich unter ihrer Last beugenden
Zweige und ging dann immer tiefer in den dunklen Wald hinein. Ringsum
war es ganz still, sie konnte ihre Fußtritte und jedes welke Blatt,
auf das sie trat, hören; nicht ein Vogel war zu sehen; kein Sonnenstrahl
drang durch die großen, dichten Baumzweige hindurch; die hohen Stämme
standen so nahe beieinander, so daß es ihr, wenn sie geradeaus blickte,
vorkam, als ob sie von einem einzigen dichten Balkengitter umschlossen
sei. Oh, hier war eine Einsamkeit, wie sie sie früher nie gekannt
hatte!
In der Nacht wurde es ganz finster; nicht ein einziges Leuchtkäferchen
schimmerte im Moos, und betrübt legte sich Elisa zum Schlafe nieder.
Da war es ihr, als ob die Baumwipfel über ihr zur Seite geschoben
würden und der liebe Gott mit milden Augen auf sie niedersähe,
während süße, kleine Engel über seinem Haupte und
unter seinen Armen hervorlugten.
Als Elisa am nächsten Morgen erwachte, wußte sie nicht, ob
sie geträumt hatte, oder ob es wirklich so gewesen war.
Nachdem sie eine kleine Strecke weitergegangen war, begegnete sie einer
alten Frau mit einem Korbe voll Beeren am Arm. Die Alte gab ihr eine Handvoll
davon, und Elisa fragte sie, ob sie nicht elf Prinzen durch den Wald habe
reiten sehen.
»Nein«, erwiderte die Alte, »aber gestern sah ich elf
Schwäne mit goldenen Kronen auf dem Kopfe den Bach hier hinabschwimmen.«
Sie führte Elisa zu einem kleinen Abhang, an dessen Fuß ein
Bach vorüberfloß. Die Bäume am Ufer hatten ihre langen,
blätterreichen Zweige ineinander verschlungen, und wo sie sich infolge
ihres natürlichen Wuchses nicht erreichen konnten, da hatten sie
ihre Wurzeln vom Erdreich losgerissen und hingen nun mit ineinandergeflochtenen
Zweigen über das Wasser hinaus.
Elisa verabschiedete sich von der Alten und ging nun dem Bache entlang,
bis dieser in das weite, offene Meer mündete.
Die herrliche blaue See lag nun vor dem jungen Mädchen ausgebreitet
da, aber nicht ein Segel war darauf, kein Boot war zu erblicken; wie sollte
sie da weiterkommen? Sie betrachtete die unzähligen Steine am Ufer,
die alle vom Wasser rundgeschliffen waren. Glas, Eisen und Steine, kurz
alles, was hier angeschwemmt war, hatte vom Wasser, das doch weicher war
als ihre weiche Hand, Gestalt angenommen. Da dachte Elisa: »Unermüdlich
rollt es und rollt es, und so ebnet sich allmählich das Harte; ich
will auch so unermüdlich sein. Habt Dank für eure Lehre, ihr
klaren, rollenden Wogen! Einmal, das sagt mir mein Herz, werdet ihr mich
zu meinen Brüdern tragen!«
Auf dem angespülten Seegras lagen elf weiße Schwanenfedern,
diese sammelte sie in einen Strauß; es lagen Wassertropfen darauf,
aber ob es Tau war oder Tränen, das konnte niemand sehen. Einsam
war es dort am Strande, aber sie fühlte es nicht; denn das Meer bot
eine beständige Abwechslung dar, ja, in wenigen Stunden mehr, als
die Binnenseen in einem ganzen Jahre aufzuweisen vermögen. Zog eine
große schwarze Wolke daher, so war es, als ob das Meer sagen wollte:
»Ich kann auch finster aussehen!« Und dann blies der Wind,
und die Wogen schäumten; erglühten aber die Wolken in rotem
Schein und legte sich der Wind, dann sah das Meer aus wie ein Rosenblatt;
bald war es grün, bald weiß, aber wie stille es auch immer
ruhte, am Strande zeigte sich doch stets eine leichte Bewegung, das Wasser
hob und senkte sich leise, wie die Brust eines schlafenden Kindes.
Als die Sonne am Untergehen war, gewahrte Elisa elf wilde Schwäne
mit goldenen Kronen auf dem Kopfe, die dem Lande zuflogen; einer schwebte
hinter dem andern; es sah wie ein langes weißes Band aus. Da eilte
sie den Abhang hinauf und versteckte sich hinter einem Busch. Die Schwäne
ließen sich ganz in ihrer Nähe nieder und schlugen mit ihren
großen weißen Flügeln.
Sobald die Sonne am Horizont verschwunden war, fielen plötzlich die
Schwanenhüllen ab, und elf schöne Prinzen, Elisas Brüder,
standen da. Elisa stieß einen lauten Schrei aus; denn so sehr sie
sich verändert hatten, so wußte sie doch gleich, daß
sie es sein mußten, sie fühlte, sie mußten es sein, und
sie sprang ihnen entgegen, fiel ihnen um den Hals, nannte sie bei Namen.
Und als die Brüder ihr Schwesterchen, das so groß und schön
geworden war, sahen und erkannten, wurden sie ganz glückselig. Sie
lachten und weinten zugleich und hatten sich bald darüber verständigt,
wie böse ihre Stiefmutter gegen sie alle gewesen war.
»Wir Brüder«, sagte der Älteste, »müssen
als wilde Schwäne herumfliegen, solange die Sonne am Himmel steht,
und erst, wenn sie untergegangen ist, bekommen wir unsre menschliche Gestalt
wieder; deshalb müssen wir immer dafür sorgen, daß wir
bei Sonnenuntergang festen Grund und Boden unter den Füßen
haben, denn wenn wir um diese Zeit noch oben zwischen den Wolken flögen,
würden wir als Menschen in die Tiefe hinabstürzen. Hier wohnen
wir nicht, sondern jenseits des Meeres, dort liegt ein ebenso schönes
Land wie hier, aber der Weg dahin ist sehr weit. Wir müssen über
das große Meer, und es findet sich keine Insel auf unserem Wege,
wo wir übernachten könnten. Nur eine einsame, kleine Klippe
ragt in der Mitte daraus hervor; sie ist gerade groß genug, daß
wir dicht nebeneinander darauf ausruhen können; bei hohem Seegang
spritzt das Wasser über uns herein, aber doch sind wir dem lieben
Gott dankbar dafür. Dort übernachten wir in unserer menschlichen
Gestalt; ohne sie könnten wir unser teures Vaterland nie wiedersehen,
denn zwei der längsten Tage des Jahres gebrauchen wir zu unserem
Fluge. Nur einmal im Jahre ist es uns vergönnt, unsere Heimat zu
besuchen, elf Tage dürfen wir hier bleiben und über den großen
Wald hinfliegen, wo wir das Schloß erblicken können, in dem
wir geboren sind und wo unser Vater wohnt, sowie den hohen Kirchturm sehen,
wo unsere liebe Mutter begraben liegt. Hier scheinen die Bäume und
Büsche verwandt mit uns zu sein; hier jagen die Pferde über
die weiten Ebenen hin, wie wir es in unserer Kindheit gesehen haben; hier
singen die Kohlenbrenner die alten Lieder, nach denen wir als Kinder tanzten;
hierher zieht es uns immer wieder, und hier haben wir nun auch dich, du
geliebtes Schwesterchen, gefunden. Zwei Tage dürfen wir nun noch
hierbleiben, dann müssen wir wieder fort über das Meer, nach
jenem herrlichen Lande, das aber doch nicht unser Vaterland ist. Aber
wie sollen wir dich mitnehmen? Wir haben ja weder Schiff noch Boot!«
»Was kann ich tun, um euch zu erlösen?« fragte die Schwester.
Sie unterhielten sich beinahe die ganze Nacht hindurch; nur wenige Stunden
senkte sich der Schlummer auf ihre Augen.
Elisa erwachte durch das Rauschen der Schwanenflügel, die über
ihr hinsausten, die wieder verwandelten Brüder flogen in weiten Kreisen
höher und immer höher und zuletzt ganz fort. Aber einer von
ihnen, der jüngste, blieb bei der Schwester zurück. Er legte
seinen Kopf auf ihren Schoß, sie streichelte seine Schwingen, und
sie blieben den ganzen Tag beisammen. Gegen Abend kamen die andern wieder
zurück, und sobald die Sonne untergegangen war, standen sie wieder
in ihrer natürlichen Gestalt da.
»Morgen fliegen wir wieder von hier fort und dürfen ein ganzes
Jahr lang nicht wiederkehren, aber dich können wir unmöglich
hier zurücklassen! Hast du Mut, mitzukommen? Mein Arm ist stark genug,
dich durch den Wald hindurchzutragen; sollten da unsere Flügel alle
zusammen nicht Kraft genug haben, mit dir über das Meer zu fliegen?«
»Ja, nehmt mich mit!« sagte Elisa.
Die ganze Nacht brachten sie nun damit zu, aus der geschmeidigen Weidenrinde
und den zähen Binsen ein starkes Netz zu flechten. Auf dieses legte
sich Elisa, und als die Sonne aufging und die Brüder wieder in Schwäne
verwandelt waren, ergriffen sie das Netz mit ihren Schnäbeln und
flogen mit der teuren Schwester, die ruhig weiterschlief, hoch zu den
Wolken empor. Die Sonnenstrahlen fielen gerade auf ihr Gesicht; da schwebte
einer der Schwäne über ihrem Haupte, damit er sie mit seinen
breiten Schwingen beschatte.
Als Elisa erwachte, waren sie schon weit vom Lande entfernt, und sie glaubte
noch zu träumen, so wunderbar kam es ihr vor, hoch durch die Luft
über das Meer getragen zu werden. Neben ihr lag ein Zweig mit köstlichen
reifen Beeren und ein Bund wohlschmeckender Wurzeln; diese hatte der jüngste
Bruder gesammelt und ihr hingelegt. Sie lächelte ihm dankbar zu;
denn sie erkannte ihn wohl. Er war es, der über ihr flog und sie
mit seinen Flügen beschattete.
Sie waren jetzt so hoch, daß das erste Schiff, das sie unter sich
erblickten, wie eine Möwe aussah, die auf dem Wasser lag. Hoch wie
ein Berg stand eine große Wolke hinter ihnen, und auf dieser gewahrte
Elisa ihren eigenen Schatten und den der elf Schwäne, der riesengroß
mit ihnen davonschwebte. Es war ein so schönes Gemälde, wie
sie noch nie eines gesehen hatte. Aber allmählich, als die Sonne
höher stieg und die Wolke weiter hinter ihnen zurückblieb, verschwand
das schwebende Schattenbild.
Den ganzen Tag flogen sie ohne Unterbrechung wie ein sausender Pfeil durch
die Luft, aber es ging doch langsamer als sonst; denn sie hatten ja die
Schwester zu tragen. Es zog sich ein Unwetter zusammen, und der Abend
näherte sich. Ängstlich sah Elisa die Sonne mehr und mehr sinken,
und noch immer war die einsame Klippe im Meer nicht zu entdecken. Es kam
ihr vor, als ob die Schwäne nun raschere Flügelschläge
machten. Ach, und sie war schuld daran, daß sie nicht rascher vorwärts
kamen! Sobald die Sonne untergegangen war, mußten sie ja wieder
Menschen werden und dann ins Meer stürzen und ertrinken. Da betete
sie aus tiefstem Herzensgrund zum lieben Gott um Hilfe; allein noch immer
war keine Klippe zu entdecken, wohl aber zog die schwarze Wolke immer
näher, und die starken Windstöße verkündeten einen
Sturm. Die Wolken hatten sich zu einer einzigen unheildrohenden Masse
zusammengeballt, die sich fast wie Blei vorwärts schob; Blitz leuchtete
auf Blitz.
Jetzt hatte die Sonne den Meeresspiegel erreicht; Elisa klopfte das Herz.
Da schossen die Schwäne so schnell hinab, daß sie zu fallen
glaubte; aber nein, jetzt schwebten sie wieder. Die Sonne war schon zur
Hälfte unter das Wasser getaucht, da gewahrte sie erst die kleine
Klippe unter sich. Diese sah nicht größer aus als ein Seehund,
der seinen Kopf über das Wasser erhebt. Die Sonne sank schnell; jetzt
blitzte nur noch ein schmaler Streifen am Horizont hervor, da berührte
ihr Fuß den festen Boden; das Sonnenlicht erlosch wie der letzte
Funken eines brennenden Papiers und Arm in Arm umstanden sie die
Brüder, aber mehr Platz, als für sie und die Brüder durchaus
erforderlich war, fand sich nicht auf der Klippe. Die Wogen rauschten
daher und schlugen über sie herein; der Himmel leuchtete, als ob
er in Flammen stünde, und Schlag auf Schlag rollte der Donner. Aber
Schwester und Brüder hielten einander an den Händen und sangen
Choräle, woraus sie Trost und Mut schöpften.
Als der Tag graute, war die Luft rein und still, und sobald die Sonne
aufging, flogen die Schwäne mit Elisa wieder weiter. Das Meer ging
noch hoch, so daß es ihnen, als sie droben in der Luft schwebten,
vorkam, als ob der weiße Schaum auf der dunkelgrünen Flut Millionen
Schwäne wären, die sich auf dem Wasser schaukelten.
Als die Sonne höher stieg, gewahrte Elisa, halb in der Luft schwimmend,
ein Bergland vor sich mit schimmernden Eismassen auf den Felsen, und mitten
darauf erstreckte sich ein wohl meilenlanges Schloß mit einem hohen
Säulengang über dem andern. In der Tiefe wogten Palmenwälder
und prächtige Blumen, so groß wie Mühlräder. Elisa
fragte, ob dieses Land das Ziel ihrer Reise sei, aber die Schwäne
schüttelten nur die Köpfe; denn das, was sie sah, war das herrliche,
beständig wechselnde Wolkenschloß der Fee Fata Morgana. Dahin
durfte man keine Menschen bringen. Elisa sah unverwandt daraufhin, da
stürzten plötzlich Berge, Wälder und Schloß zusammen,
und dafür standen zwanzig stolze Kirchen, alle einander gleich mit
hohen Türmen und Spitzbogenfenstern, da. Sie glaubte Orgelton zu
vernehmen, aber was sie hörte, war nur das Rauschen des Meeres. Schon
war sie den Kirchen ganz nahe, da verwandelten sie sich in eine Flotte,
die unter ihr dahinsegelte, und als sie darauf niedersah, waren es nur
die Meernebel, die über das Wasser hinzogen. Eine ewige Abwechslung
bot sich ihren Blicken dar, und nun gewahrte sie auch das wirkliche Land,
dem sie zusteuerten. Dort erhoben sich herrliche blaue Berge mit Zedernwäldern,
Schlössern und Städten, und lange vor Sonnenuntergang saß
Elisa auf einem Felsen vor einer großen Höhle, die mit feinen
grünen Schlingpflanzen bewachsen war; es sah aus, als wären
es gestickte Teppiche.
»Nun wollen wir sehen, was du heute nacht hier träumen wirst«,
sagte der jüngste Bruder und zeigte ihr ihre Schlafkammer.
»Gebe der Himmel, daß ich träume, wie ich euch erlösen
kann!« sagte sie. Dieser Gedanke beschäftigte sie unaufhörlich,
sie betete inbrünstig zu Gott um Hilfe, und selbst im Schlaf betete
sie im Geiste weiter. Da war es ihr, als flöge sie hoch durch die
Luft zu Fata Morganas Wolkenschloß hin, und die Fee käme ihr
entgegen, schön und glänzend und doch der Alten im Walde, die
ihr die Beeren gegeben und ihr von den Schwänen mit den goldenen
Kronen erzählt hatte, gleichend.
»Deine Brüder können erlöst werden«, sagte
sie, »hast du aber auch Mut und Ausdauer dazu? Wohl ist das Wasser
weicher als deine feinen Hände und vermag doch Steine umzuformen;
aber es fühlt nicht den Schmerz, den deine Finger fühlen werden;
es hat kein Herz und empfindet nicht die Angst und Qual, die du aushalten
mußt. Siehst du hier die Brennessel in meiner Hand? Von derselben
Gattung wachsen viele rund um die Höhle, in der du schläfst.
Nur diese und solche, die aus Kirchhofgräbern emporsprießen,
sind tauglich; merke dir das wohl. Diese mußt du pflücken,
obgleich sie deine Haut voll Blasen brennen werden. Die Nesseln mußt
du dann mit deinen Füßen brechen. Dann bekommst du Flachs,
woraus du elf Panzerhemden mit langen Ärmeln binden und flechten
mußt. Wirf diese über die elf Schwäne, dann ist der Zauber
gelöst. Aber bedenke wohl, daß du vom Beginn der Arbeit an
bis zu dem Augenblick, da sie vollendet sein wird, und sollten auch Jahre
darüber hingehen, kein Wort sprechen darfst; das erste Wort, das
über deine Lippen geht, fährt wie ein tödlicher Dolch in
das Herz deiner Brüder. An deiner Zunge hängt ihr Leben, merke
dir das wohl!«
Die Fee berührte Elisas Hand mit der Nessel; diese brannte wie Feuer,
so daß das Mädchen erwachte. Es war heller Tag, und dicht neben
der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lag die Nessel, die sie im Traume
gesehen hatte. Da fiel sie auf die Knie, dankte dem lieben Gott und trat
aus der Höhle, um sofort ihre Arbeit zu beginnen.
Mit ihren beiden Händen griff sie hinunter in die häßlichen
Nesseln, die sie wie Feuer brannten, und bald waren ihre Hände und
Arme mit großen Blasen bedeckt; aber gerne wollte sie dies leiden,
wenn sie ihre lieben Brüder dadurch erlösen konnte. Dann brach
sie die Nesseln mit ihren nackten Füßen und begann den grünen
Flachs zu flechten.
Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken
sehr, als sie Elisa stumm fanden. Zuerst hielten sie es für einen
neuen Zauber der bösen Stiefmutter; als sie jedoch ihre Hände
sahen, begriffen sie, daß es um ihretwillen geschah. Der jüngste
Bruder begann zu weinen, und wo seine Tränen hinfielen, da fühlte
Elisa keine Schmerzen mehr, und die Blasen verschwanden.
Die ganze Nacht verbrachte sie bei ihrer Arbeit; denn sie fand keine Ruhe,
ehe sie die Brüder erlöst hätte. Den ganzen folgenden Tag,
während die Schwäne fort waren, saß sie allein in ihrer
Einsamkeit; aber noch nie war ihr die Zeit so eilig entflohen. Ein Panzerhemd
war schon fertig, und nun begann sie das zweite.
Da ertönte ein Jagdhorn zwischen den Bergen. Sie wurde von Furcht
ergriffen, denn der Klang kam immer näher. Nun hörte sie auch
Hunde bellen und floh erschrocken in ihre Höhle, band die Nesseln,
die sie schon gesammelt und gebrochen hatte, in ein Bund und setzte sich
darauf. Plötzlich kam ein großer Hund aus dem Gebüsch
hervorgesprungen, und gleich darauf noch einer und wieder einer. Sie bellten
laut, liefen wieder zurück und kamen wieder herbei. Nach kurzer Zeit
waren alle Jäger vor der Höhle versammelt, und der schönste
unter ihnen war der König des Landes. Er trat auf Elisa zu; noch
niemals hatte er ein schöneres Mädchen gesehen.
»Wie bist du hierher gekommen, du wunderschönes Kind?«
fragte er. Elisa schüttelte den Kopf; sie durfte ja nicht sprechen,
denn es galt die Erlösung und das Leben ihrer Brüder. Ihre Hände
aber verbarg sie unter ihrer Schürze, damit der König nicht
sehe, was sie zu leiden habe.
»Komm mit mir«, sagte der König, »hier darfst du
nicht bleiben. Bist du ebenso gut als schön, dann will ich dich in
Seide und Samt kleiden, dir eine goldene Krone aufs Haupt setzen, und
dann sollst du in meinem schönsten Schlosse wohnen.« Damit
hob er sie auf sein Pferd. Sie aber weinte und rang die Hände; allein
der König sagte: »Ich will nur dein Bestes; einst wirst du
mir dafür danken.« Dann stürmte er fort durch die Berge,
hielt sie vor sich auf dem Pferd, und die Jäger jagten hinter ihm
drein.
Als die Sonne unterging, lag die prächtige Königsstadt mit ihren
Kirchen und Kuppeln vor ihnen, und der König führte Elisa auf
sein Schloß, wo in hohen Marmorsälen prächtige Springbrunnen
plätscherten und wo die Wände und Decken reich mit Gemälden
geschmückt waren. Aber sie hatte kein Auge dafür; sie weinte
und trauerte. Willenlos gab sie zu, daß die Frauen ihr königliche
Kleider anlegten, ihr Perlen in die Haare flochten und feine Handschuhe
über die verbrannten Finger zogen.
Wie sie nun in all dieser Pracht dastand, war sie so blendend schön,
daß der Hof sich noch tiefer vor ihr verneigte, und der König
erwählte sie zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof den Kopf schüttelte
und flüsterte, das schöne Waldkind sei gewiß eine Hexe,
die die Augen blende und das Herz des Königs betöre.
Der König hörte jedoch nicht darauf, sondern ließ die
Musik ertönen, die köstlichsten Speisen auftragen, die lieblichsten
Mädchen vor ihr tanzen, und sie wurde durch duftige Gärten in
prächtige Säle hineingeführt. Aber nicht ein Lächeln
glitt über ihre Lippen oder strahlte aus ihren Augen, die nur einen
grenzenlosen Schmerz ausdrückten. Jetzt öffnete der König
dicht daneben eine kleine Kammer, wo sie schlafen sollte; diese war ganz
mit wertvollen grünen Teppichen behängt und glich ganz der Höhle,
in der Elisa gefunden worden war. Auf dem Fußboden lag das Bund
Flachs, das sie aus den Nesseln gesponnen hatte, und unter der Decke hing
das schon fertige Panzerhemd. Alles dies hatte einer der Jäger als
eine besondere Merkwürdigkeit mitgenommen.
»Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen«,
sagte der König. »Hier ist deine Arbeit, mit der du dich dort
beschäftigtest. In deiner jetzigen Pracht wird es dich erfreuen,
hie und da an jene Zeit zurückzudenken.«
Als Elisa das erblickte, was ihrem Herzen so nahe lag, spielte ein Lächeln
um ihren Mund, und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück. Sie dachte
an die Rettung ihrer Brüder, küßte dem König die
Hand, und er drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken
das Hochzeitsfest verkündigen. Das schöne stumme Mädchen
aus dem Walde war nun die Königin des Landes.
Wohl flüsterte der Erzbischof dem König böse Worte ins
Ohr, allein sie drangen nicht bis in dessen Herz, und die Hochzeit wurde
gefeiert. Der Erzbischof selbst mußte Elisa die Krone aufs Haupt
setzen. Da drückte er ihr den engen Reif so fest auf die Stirne,
daß es ihr wehe tat; aber sie fühlte keinen körperlichen
Schmerz, denn ein viel engerer Reifen legte sich um ihr Herz: das war
die Sorge um ihre Brüder. Auch ferner blieb ihr Mund stumm; denn
ein einziges Wort hätte ja ihren Brüdern das Leben gekostet.
Aber aus ihren Augen sprach eine innige Liebe zu dem guten, schönen
König, der alles tat, um sie zu erfreuen. Von Tag zu Tag gewann sie
ihn lieber und wünschte von ganzem Herzen, sich ihm anzuvertrauen
und ihm ihr Leid klagen zu dürfen. Aber das durfte sie ja nicht.
Und so schlich sie sich nachts heimlich von seiner Seite, ging in ihr
stilles Kämmerlein, das wie die Höhle ausgestattet war, und
strickte hier ein Panzerhemd nach dem andern fertig; als sie aber an das
siebente kam, da hatte sie keinen Flachs mehr.
Wie sie wußte, wuchsen die Nesseln, die sie allein verwenden durfte,
auf dem Kirchhofe, und sie mußte sie auch selbst pflücken;
wie sollte sie das bewerkstelligen?
»Ach, was bedeutet der Schmerz in meinen Fingern im Vergleich zu
der Qual, die ich in meinem Herzen leide!« dachte sie. »Aber
ich muß es wagen, und der liebe Gott wird mir gewiß beistehen!«
Mit einer Angst, als ob sie etwas Böses vorhabe, schlich sie sich
in einer mondhellen Nacht in den Garten hinunter und ging durch die langen
Alleen und einsamen Straßen nach dem Kirchhofe hinaus. Hier sah
sie auf einem der breitesten Leichensteine häßliche, alte Hexen
im Kreise sitzen. Sie zogen ihre Lumpen aus, als ob sie baden wollten,
und gruben mit ihren langen, mageren Fingern die frischen Gräber
auf, rissen die Leichen heraus und aßen deren Fleisch. Elisa mußte
ganz dicht an ihnen vorbei, und sie hefteten ihre bösen Augen auf
sie. Elisa aber betete leise, sammelte die Brennesseln und kehrte damit
ins Schloß zurück.
Nur ein einziger Mensch hatte sie gesehen, nämlich der Erzbischof.
Er war noch wach, als alle die andern schliefen. Nun glaubte er also doch
recht gehabt zu haben, wenn er behauptete, es stünde mit der Königin
nicht alles so, wie es sein sollte. Sie war also eine Hexe, und deshalb
hatte sie den König und das ganze Volk betört.
Am andern Tage erzählte er dem König in der Kirche, was er gesehen
hatte und was er befürchtete; aber während die harten Worte
über seine Lippen kamen, schüttelten die geschnitzten Heiligenbilder
die Köpfe, als ob sie sagen wollten: »Elisa ist unschuldig!«
Der Erzbischof legte es jedoch anders aus und sagte, daß sie damit
Zeugnis gegen die Königin ablegten und über deren Sünden
die Köpfe schüttelten. Da liefen dem Könige zwei große
Tränen die Wangen herab, und mit schweren Zweifeln in seinem Herzen
ging er nach Hause. In der darauffolgenden Nacht stellte er sich schlafend,
und da merkte er, wie Elisa aufstand und sich entfernte. Dies wiederholte
sich jede Nacht, und jedesmal folgte er ihr leise nach und sah, daß
sie in ihrer eigenen Kammer verschwand.
Mit jedem Tag wurde seine Miene finsterer. Elisa sah es wohl, konnte aber
nicht verstehen, warum. Das Benehmen des Königs flößte
ihr zwar Furcht ein, aber noch größere Angst litt sie um die
Brüder in ihrem Herzen. Auf den königlichen Samt und Purpur
flossen ihre heißen Tränen, wie blitzende Diamanten lagen sie
darauf, und alle, die diese reiche Pracht sahen, wünschten auch Königin
zu sein. Indessen näherte sich ihre Arbeit ihrer Vollendung, nur
ein einziges Panzerhemd fehlte noch. Aber nun hatte sie keinen Flachs
mehr und nicht eine einzige Nessel. Einmal, nur ein einziges Mal noch
mußte sie daher nach dem Kirchhof, um einige Hände voll zu
pflücken. Mit großer Angst dachte sie an die einsame Wanderung
und an die schrecklichen Hexen; aber ihr Wille war ebenso unerschütterlich
als ihr Vertrauen auf den Herrn.
Elisa ging. Aber der König und der Erzbischof folgten ihr nach. Sie
sahen sie durch die Kirchhofspforte eintreten und verschwinden, und als
sie näher kamen, erblickten sie die Hexen auf dem Grabsteine, gerade
so, wie Elisa sie auch gesehen hatte. Da wandte sich der König entsetzt
ab; denn unter ihnen vermutete er ja nun sie, deren Haupt an diesem Abend
noch an seiner Brust geruht hatte.
»Das Volk soll das Urteil sprechen!« sagte er, und das Volk
verurteilte sie zum Tode auf dem Scheiterhaufen.
Aus den prächtigen Königssälen wurde sie nun in ein dunkles,
feuchtes Loch geschleppt, wo der Wind durch das Gitterfenster hereinpfiff.
Anstatt des Samts und der Seide gab man ihr den Bund Nesseln, den sie
gesammelt hatte, darauf sollte sie ihr Haupt legen, und die harten brennenden
Panzerhemden sollten ihr als Lager und als Decke dienen. Aber man hätte
ihr nichts Lieberes geben können. Sogleich nahm sie ihre Arbeit wieder
auf und betete inbrünstig zu Gott. Auf der Straße sangen die
Gassenbuben Spottlieder auf sie; niemand tröstete sie mit einem freundlichen
Worte.
Da schlug gegen Abend plötzlich ein Schwanenflügel gegen das
Gitterfenster. Es war ihr jüngster Bruder, der die Schwester endlich
gefunden hatte. Sie schluchzte laut vor Freude, obgleich sie wußte,
daß die kommende Nacht wohl ihre letzte sein würde; aber nun
war ja auch ihre Arbeit beinahe vollendet, und ihre Brüder waren
in der Nähe. Jetzt erschien der Erzbischof, um die letzte Stunde
bei ihr zu sein; das hatte er dem König versprochen. Aber Elisa schüttelte
den Kopf und bat ihn mit Blick und Mienen, sie wieder zu verlassen. Denn
in dieser Nacht mußte sie ja ihre Arbeit vollenden, sonst war alles
umsonst, alles Schmerz, Tränen und schlaflose Nächte.
Mit bösen Worten entfernte sich der Erzbischof; aber die arme Elisa
wußte, daß sie unschuldig war.
Die kleinen Mäuse huschten emsig über den Fußboden und
schleppten die Nesseln vor ihre Füße hin, um doch auch etwas
zu helfen; eine Drossel setzte sich an das Gitterfenster und sang die
ganze Nacht hindurch, so froh sie konnte, damit Elisa nicht den Mut verlieren
möge.
Eine Stunde vor Sonnenaufgang, als der Tag kaum graute, erschienen die
elf Brüder vor dem Schlosse und verlangten vor den König geführt
zu werden. Allein es wurde ihnen geantwortet, das sei unmöglich;
denn es sei ja noch Nacht, da schlafe der König noch, und er dürfe
nicht geweckt werden. Aber die Brüder baten und drohten, so daß
die Wache herbeikam, ja, der König selbst trat heraus und fragte,
was denn der Lärm bedeute. Jedoch in diesem Augenblick ging die Sonne
auf, und nun waren keine Brüder mehr zu sehen, nur über das
Schloß hinweg flogen elf wilde Schwäne.
Aus dem Stadttor strömte nun das ganze Volk, um die Hexe verbrennen
zu sehen. Ein elender Gaul zog den Karren, worauf Elisa saß. Man
hatte sie mit einem Kittel aus grober Leinwand bekleidet; ihr herrliches,
langes Haar wallte aufgelöst um ihr schönes Haupt; ihre Wangen
waren todesblaß; ihre Lippen bewegten sich leise im Gebet, während
ihre Finger noch immer den grünen Flachs flochten. Selbst auf dem
Wege zum Tode unterbrach sie ihre Arbeit nicht; denn zehn Panzerhemden
lagen schon fertig zu ihren Füßen und am elften strickte sie
mit fieberhafter Eile.
»Sehet die Hexe an! Sehet, wie sie vor sich hinmurmelt! Nicht einmal
ein Gesangbuch hat sie in der Hand, nein, mit ihrem häßlichen
Zauberwerk sitzt sie da! In tausend Stücke sollte man es ihr reißen!«
Alles drängte auf sie ein und wollte es ihr entreißen
da kamen elf wilde Schwäne dahergeflogen; die setzten sich rings
um sie auf den Karren und schlugen mit ihren großen Flügeln.
Da wich der Haufen erschrocken zur Seite.
»Das ist ein Zeichen vom Himmel; sie ist gewiß unschuldig!«
flüsterten viele, wagten aber nicht, es laut zu sagen.
Nun ergriff der Büttel sie bei der Hand. Da warf sie in aller Hast
die elf Panzerhemden über die Schwäne, und plötzlich standen
elf schöne Prinzen da. Aber der jüngste hatte einen Schwanenflügel
anstatt des einen Arms; denn an dem einen Hemde, das nicht ganz fertig
geworden war, hatte gerade noch ein Ärmel gefehlt.
»Jetzt darf ich reden«, sagte sie. »Ich bin unschuldig.«
Und das Volk, das sah, was geschehen war, verneigte sich vor ihr wie vor
einer Heiligen. Sie aber sank leblos in die Arme ihrer Brüder, so
sehr hatten Spannung, Angst und Schmerz sie angegriffen.
»Ja, sie ist unschuldig!« sagte der älteste der Brüder,
und nun erzählte er alles, was geschehen war, und während er
erzählte, verbreitete sich plötzlich ein Duft wie von Millionen
Rosen; denn jedes Stück Brennholz des Scheiterhaufens hatte Wurzel
geschlagen und Zweige getrieben. Da stand nun eine duftende Hecke, hoch
und groß mit roten Rosen übersät. Aber ganz oben saß
eine weiße, leuchtende Blume, die wie ein Stern glänzte; diese
brach der König und legte sie auf Elisas Brust. Da erwachte sie mit
Frieden und Glückseligkeit im Herzen.
Und alle Kirchenglocken begannen von selbst zu läuten; die Vögel
kamen in Scharen herbeigeflogen, und es wurde ein Hochzeitszug zurück
zum Schlosse, wie ihn noch kein König gesehen hatte.
Märchen
von Hans Christian Andersen, Bild: Vera Smirnova