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[jW 08/2025] "Ukraine: Nachdem Kiew bereits seit 2014 mit seiner Armee und faschistischen Milizen den Donbass beschossen hatte, marschierten 2022 russische Truppen ein. Seitdem gab es Hunderttausende Tote in dem zum NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland ausgeweiteten und durch westliche Waffenlieferungen verlängerten Krieg." [weiter] Karten
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| 1967 I see trees of green, red roses too I see them bloom for me and you And I think to myself what a wonderful world. I see skies of blue and clouds of white The bright blessed day, the dark sacred night And I think to myself what a wonderful world. The colors of the rainbow so pretty in the sky Are also on the faces of people going by I see friends shaking hands saying how do you do They're really saying I love you. I hear babies crying, I watch them grow They'll learn much more than I'll never know And I think to myself what a wonderful world Yes I think to myself what a wonderful world. |
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Nahrungsmittelversorgung - Boden - (Grund)Wasser - Luft / Klima - Biodiversität - Nachhaltigkeit / ökologisches Gleichgewicht - gesellschaftliche Verantwortung
Vier
Konzerne dominieren künftig weltweit das Geschäft mit Saatgut,
Dünger und Pflanzenschutzmitteln in der Agrochemiebranche
allen voran die deutsche Bayer-Monsanto AG
... aus verschiedenen Quellen 06/2020 Der Bayer-Konzern
hat Monsanto für rund 56 Milliarden Euro übernommen. Umweltschützer
machen gentechnisch verändertes Saatgut und aggressives Unkrautvernichtungsmittel
für zahlreiche Umweltschäden verantwortlich. Das Pflanzenschutzmittel
Glyphosat von Monsanto steht im Verdacht, krebserregend zu sein.
Diesen Vorwürfen hat Bayer stets widersprochen und darauf verwiesen,
dass Zulassungsbehörden weltweit das Herbizid bei sachgemäßer
Anwendung als sicher bewerteten. In den USA wurde Bayer bereits in mehreren
Fällen zu hohen Schadenersatzzahlungen verurteilt. Es gibt
jedoch große regionale Unterschiede. Während die Landwirtschaft
in den Industrieländern hauptsächlich mit kommerziellem Saatgut
versorgt wird, ist sie in Entwicklungsländern noch! - von
bäuerlichem Nachbau und Austausch geprägt. In Indien liegt
der Anteil von kommerziellem Saatgut in der Landwirtschaft bisher nur
bei 30%, in Afrika aktuell unter 10%. Traditionelle Höfe funktionierten
als nahezu geschlossene Systeme. Von der Ernte wurde ein Teil zurückbehalten,
um erneut ausgesät zu werden, in einem ewigen Kreislauf. Heute
ist das in den meisten Teilen der Erde anders. Seit einigen
Jahren drängen die Saatgutkonzerne verstärkt auf die Märkte
von Schwellen- und Entwicklungländern, in denen kommerzielles
Saatgut bisher einen geringen Teil ausmachte. Dabei machen sie sich
auch die Hoffnung zunutze, dass durch Züchtungen und Genmanipulation
Wunderlösungen für globale Probleme, wie z.B. den Klimawandel,
gefunden werden können. Doch die Zahlen vermitteln ein anderes
Bild: Nach Berechnungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind
rund die Hälfte der 868 Millionen hungerleidenden Menschen weltweit
ressourcenarme Bauern, die nur mäßig fruchtbares Land bewirtschaften.
Dem gegenüber steht die Tatsache, dass die Saatgutkonzerne nur
1% ihrer für Forschung und Entwicklung budgetierten Mittel in Saatgut
investieren, das für Entwicklungsländer geeignet wäre.
Gleichzeitig begrenzen sie die allen offen stehende Vielfalt, indem
sie sich Patente auf Gene für Stresstoleranz und Trockenheitsresistenz
sichern und neue Allianzen mit Unternehmen in der synthetischen Biologie
gründen. Der Berichterstatter für das Recht auf Nahrung der
Vereinten Nationen, Olivier De Schutter warnt in seinem Bericht Seed
policy and the right to food: Die Oligopole einiger Anbieter
können dazu führen, dass armen Landwirten der Zugang zu Saatgut,
einem für sie lebenswichtigen Produktionsmittel, verwehrt wird.
Und sie kann dazu führen, dass die Lebensmittelpreise steigen,
wodurch die Lebensmittel für die Ärmsten noch weniger verfügbar
werden. Um Armut und Hunger in den Ländern des Südens
zu bekämpfen ist es wichtig, dass Kleinbauern in den Ländern
des Südens der freie Zugang zu Saatgut erhalten bleibt. Über
informelle und lokale Strukturen kann es dann verkauft, getauscht und
entsprechend der klimatischen, ökologischen und kulturellen Bedürfnisse
weiterentwickelt werden. Fazit Modernes,
standardisiertes Saatgut wird wie Gold gehandelt, und das Milliardengeschäft
liegt in den Händen weniger internationaler Agrarkonzerne. Sie
produzieren in Billiglohnländern - unter miserablen Bedingungen,
oft illegal mit Kinderarbeit und Frauenausbeutung. Schönheit und
lange Haltbarkeit der genmanipulierten Obst- und Gemüsesorten gehen
auf Kosten des Geschmacks und der Nährstoffe. Alte Sorten sterben
aus, auf Kosten der Biodiversität. Doch weder Landwirte noch Verbraucher
scheinen eine Wahl zu haben.
Es sind
in erster Linie die großen Konzerne, die Umweltprobleme und Klimawandel
verursachen durch eine schädliche Produktion, unsinnige Transportwege
und übermäßigen Ressourcenverbrauch. Wie kann es sein,
dass Produkte auf den Markt kommen, die nach Ablauf der Garantiefrist
aufgrund eingebauter "Fehler" kaputt gehen, nur weil das den
Umsatz steigert. Die Bundesregierung verhindert strengere Klimaschutz-Normen
und lässt sich das mit Großspenden der Konzerne bezahlen.
Wir brauchen eine ökologische Politik, die gleichzeitig sozial
ist, anstatt die Profite der Klimasünder zu schützen während
Natur und Menschen dafür zahlen. Die Arbeit im Anthropozän Essay von Mathias Greffrath Soziologe, Schriftsteller und Journalist 01/2016 Eine knappe Weltgeschichte der Arbeit in praktischer Absicht Homo sapiens ist der Primat, der Werkzeuge herstellen kann, vom Faustkeil und Pflug über Windmühle und Dampfmaschine bis zu den Computersystemen, die die geistige Arbeit automatisiert und die Fantasieproduktion standardisiert haben. Und wie es scheint, ist der neuerliche Automatisierungsschub erst am Anfang. Einstweilen produziert der kapitalgetriebene Automatismus noch Überfluss, aber auch immer mehr Menschen ohne Arbeit und Einkommen. Im Norden werden sie durchgefüttert, aus ausgebluteten Südregionen hat die große Elendswanderung begonnen. Eine immer kleinere Minderheit besitzt und gestaltet die politischen, administrativen und technischen Apparate. Homo sapiens scheint am Ende seiner Laufbahn, gefangen in den stählernen Netzen eines techno-ökonomischen Prozesses. Steuert der auf den ökologischen Kollaps hin? Bei den Elenden, den Ausgegrenzten, den Nutznießern, aber auch bei den Theoretikern wachsen Ratlosigkeit und Fatalismus. Und die Gewaltbereitschaft wächst, die der Elenden und die derjenigen, die ihren Wohlstand bedroht fühlen. Etwas in uns wehrt sich gegen die Alternativlosigkeit aber worauf, auf welche Arbeit kann dieses Gefühl noch setzen. Hören Sie auf, vom Holozän zu sprechen... So begann Paul Crutzens zorniger Zwischenruf auf einer Geologenkonferenz vor 15 Jahren. Paul Crutzen, das ist der Atmosphärenchemiker, der das Ozonloch entdeckte und dafür den Nobelpreis erhielt. Und Holozän, so heißt die Epoche der Erdgeschichte, die vor 10.000 Jahren begann, am Ende der letzten großen Eiszeit. Hören Sie auf, vom Holozän zu sprechen, wir leben doch schon längst im Anthropozän. Anthropozän das heißt: Zeitalter des Menschen, und Paul Crutzens Zwischenruf ist alles andere als beruhigend. Er resümiert, was wir spätestens seit einem halben Jahrhundert wissen: Die irdische Natur als Ganze ist zum Produkt der Menschen geworden. Und das markiert einen Bruch mit der Menschheitsgeschichte, über die wir Aufzeichnungen und Überlieferungen besitzen. Die begann im frühen Holozän. Zum Beispiel mit der Geschichte von Noah und seiner Arche. Denn die hat, wie alle Legenden einen realen Hintergrund die Überschwemmung des Schwarzen Meeres vor 12.000 Jahren, während der letzten dramatischen Erderwärmung. Innerhalb von nur 40 Jahren stieg damals die Durchschnittstemperatur auf der Nordhalbkugel um sechs Grad Celsius. Das arktische Eis begann zu schmelzen, der Meeresspiegel stieg um Dutzende von Metern, trennte die Britischen Inseln vom Festland. In der Levante, dem fruchtbaren Halbmond, der sich von Griechenland bis in die Mündungsgebiete von Euphrat und Tigris zog, in China und Mittelamerika, erlaubte das Klima den Horden der Jäger und Sammler, sesshaft zu werden, Pflanzen anzubauen, Tiere zu zähmen, Vorräte zu bilden. In dieser neolithischen Revolution entstanden die ersten Maschinen, der Pflug, der Webstuhl, die Töpferscheibe. Mit der Sesshaftigkeit das Eigentum an Grund und Boden, mit der Vorratshaltung die befestigten Städte. Die Arbeitsteilung differenzierte sich aus, und damit begann die dauerhafte, in Institutionen gefestigte Herrschaft von Menschen über Menschen, ob Sklaverei, feudale Hörigkeit oder Schuldknechtschaft. Aber jahrtausendelang noch beruhte die Produktivität der Arbeit im wesentlichen auf Naturkräften: auf der Muskelkraft der Menschen und Tiere, auf der Energie von Sonne, Wind und Wasser. Das Anthropozän beginnt, so definiert es Paul Crutzen, mit der Industriellen Revolution in Europa. Und paradoxerweise war es nicht der Erfindungsreichtum von Ingenieuren und Handwerkern allein, der die Produktivität explodieren ließ, sondern wiederum eine Naturkraft: die fossile Energie der Kohle, die Dampfmaschinen und Lokomotiven antrieb und den Wirkungsgrad der mechanischen Maschinen ins bis dahin Undenkbare erhöhte. Ohne diese
industrielle Revolution wären die Forderungen der Unterschichtsrebellionen,
der Humanisten, der Aufklärung für immer im Himmel der Ideen
geblieben: die Erklärung der gleichen, unveräußerlichen
Rechte: Leben, Freiheit und das Streben nach Glück ebenso
wie die Apotheose der Arbeit in der bürgerlichen Ideologie. Zwischen
den Fortschrittsreden der Ideologen und der schmutzigen Praxis in den
Fabriken der ersten Industrieperiode klaffte noch lange ein Abgrund.
Der Reichtum der Nationen beruht auf der Arbeitsteilung, so konnte man
es bei Adam Smith lesen. Aber im Kleingedruckten der gesellschaftlichen
Wirklichkeit stand als Fußnote: Das Eigentum ist geschützt.
Ein einklagbares Recht auf Arbeit die Parole der frühen
Arbeiterbewegung kennen die westlichen kapitalistischen Nationen
bis heute nicht. Dennoch: Auch wenn Millionen von Männern, Frauen
und Kindern in den Bergwerken und Fabriken des frühen 19. Jahrhunderts
vertiert und verschlissen wurden, auch die entstehende Arbeiterbewegung
setzte auf den Kapitalismus. Eine Gesellschaft der Freien und Gleichen,
eine wirkliche Demokratie werde es nur in einer schon vorhandnen
Welt des Reichtums und der Bildung geben können, so schrieb
es der junge Karl
Marx, und weiter: Die Entwicklung der Produktivkräfte
[ist] auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung,
weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft
auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte
Scheiße sich herstellen müßte. In der Vorhölle
der großen Industrie werde der Wohlstand erzeugt, auf dessen Grundlage
die Unterdrückung und die Ungleichheit schwinden, die Bürgerrechte
wirklich werden könnten. An der Arbeit, die in unsichtbarer
Verkettung alle leisten, sind alle berechtigt. So postulierte
es nicht Dr. Marx aus London, sondern der AEG-Gründer und Gegner
des Erbrechts, Walter Rathenau aus Berlin. Und weiter: Wirtschaft
ist nicht Privatsache. Denn warum ist eine Nation reich geworden?
Da kommt viel zusammen: Weil ein Fürst mit den Steuern, die er
den Bauern abgepresst hat, eine Akademie der Wissenschaften und Manufakturen
gegründet hat; weil Bürger die Gewerbefreiheit erkämpften;
weil Migranten härter arbeiten als andere; weil es eine Religion
gab, die Fleiß als gottgefällig ansah; kurz: Die ganze Geschichte
einer Gesellschaft produziert mit. Und so verbreitet auch die modische
Staatsverdrossenheit der heutigen Gründer und Investoren sein mag:
Die grundlegenden Voraussetzungen, die Basisinvestitionen für den
technischen Fortschritt Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen,
Verkehrssysteme, Rechtssicherheit sie wurden immer von Staaten
geschaffen, von den Bewässerungsanlagen Assyriens bis hin zu Steve
Jobs oder Mark Zuckerbergs Imperien. Seit den 70er-Jahren sanken die Wachstumsraten in den früh industrialisierten Ländern kontinuierlich Wirtschaft ist also keine Privatsache, aber Wirtschaftsdemokratie bleibt eine schöne Formel, die es heute gerade noch in die programmatischen Schriften linker Parteien schafft. Das Arbeitsrecht, existenzsichernde Löhne, soziale Sicherheiten wären nicht denkbar gewesen ohne die Organisationskraft der Arbeiterbewegung. Der Sozialstaat, den die Sozialdemokratie nach den Katastrophen der Weltwirtschaftskrise und des Weltkriegs gegen den Verzicht auf Wirtschaftsdemokratie eintauschte, beendete und ich spreche hier nur von West-Europa , zwar den alten Klassenkampf. Aber das rasante Wachstum der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder bescherte allen immer mehr, wenn auch den einen viel mehr, den anderen weniger. Diese Ausweitung der Konsumzone ließ die Kritik am Kapitalismus ebenso verstummen wie die Forderungen nach gesellschaftlicher Lenkung des technischen Fortschritts. Die Kapitalistische Welt schien erfolgreich und alternativlos: ein Reich des Wohlstands und der Freiheiten, wenn auch nicht der Gleichheit. Die Sache hatte nur drei Haken, und die bekommen wir seit ein paar Jahrzehnten zu spüren. Seit den 70er-Jahren sanken die Wachstumsraten in den früh industrialisierten Ländern kontinuierlich, und die Arbeitslosigkeit wurde chronisch. Steuersenkungen, Deregulierungen und Privatisierungen stabilisierten die Profite; Renten und Sozialleistungen wurden reduziert; von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wuchs die private und staatliche Verschuldung, die den Weltwirtschaftskrisen der letzten Jahre zu Grunde lag. Der zweite Haken ist die Globalisierung: Die Wohlstandsmaschine Kapitalismus hat sich von ihrem Territorium, dem Nationalstaat, emanzipiert. Über die politische Weltkarte von Nationen haben sich die Netze einer Art Turbofeudalismus gelegt. Es ist ein Feudalismus, dessen Herren nicht greifbar sind. Ihre Herzogtümer haben keine Grenzen, ihr Reichtum wird an 1.000 Orten hergestellt, auf der Erde verstreut wie die Besitztitel an ihrem Profit. Und ihre Landnahmen werden von den Finanzplätzen und Börsen gesteuert: Billionen frei flottierenden Geldes der Profit vergangener Arbeit drängen auf immer höhere Verzinsung und drücken so auf die Arbeitsgesellschaften der Welt. In den neuen Industrierevieren der ehemaligen Kolonien herrschen Arbeitsbedingungen wie im Frühkapitalismus; in den alten Metropolen wird die Arbeit bis zur Unerträglichkeit verdichtet. Die Barrieren der Ungleichheit liegen zunehmend nicht mehr zwischen armen und reichen Ländern, sondern zwischen den Zonen, in denen Kapital investiert wird, und dem sozialen Brachland, das sie umgibt. Und noch weiter draußen liegt das wüste Land, die neuen weißen Flecken, die die Weltkarte sprenkeln: die geplünderten Südregionen, die ökonomisch uninteressanten Gebiete, die Slums der Mega-Metropolen, in denen das Heer der Elenden wächst. Der dritte Haken, das ist die Wachstumsfalle. Die Produktivitätsexplosion von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wäre nicht möglich gewesen ohne die Ausbeutung der fossilen Wälder, die in Jahrmillionen Erdgeschichte wuchsen und deren Verbrennung nun die Ökosysteme der Welt in die Klimakatastrophe treibt. Seit dies nicht mehr zu leugnen ist, sind große technische Fortschritte gemacht worden, aber alle Minderungen des Energieverbrauchs durch technische Innovation und erneuerbare Energien werden durch das global anhaltende Wachstum von Produktion und Konsum aufgefressen. Die sozialen Folgen des ungleichen Handels Gegen eine Beschränkung dieses Wachstums aber stehen seine beiden mächtigen Treiber: der Wachstumszwang des Kapitals und die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Lebenschancen. Nicht nur in den Wohlstandssregionen, sondern schärfer noch in den Schwellenländern und den armen Regionen der Welt. Mit gewissem historischen Recht blockieren diese, wenn die Klimaretter des Nordens ihnen nun zur Rettung der Atmosphäre egalitäre CO2-Reduktionsziele aufzwingen wollen. Und schließlich haben wir im vergangenen Jahr einen ersten Vorgeschmack von dem erlebt, was auf uns zukommt, wenn sich Millionen von Menschen aus den elenden Weltregionen auf den Weg machen. Sie folgen den Versprechen der Globalisierung und den medialen Bildern einer globalisierten Konsumkultur, sie fliehen vor den Klimaschäden, vor den sozialen Folgen des ungleichen Handels, vor dem Landhunger des Nordens. Sie flüchten vor Kriegen, an deren Ausbruch und Verschärfung nicht nur vormoderne Stammesmentalitäten und Religionen mitwirken, sondern ebenso das Erbe des Imperialismus und der Ölhunger der westlichen Welt. Das Anthropozän es könnte ein dunkles Zeitalter werden, und Zeitalter der Menschheit ein schlimmer Euphemismus und eine Abstraktion. Denn das ist der Grundwiderspruch der Epoche, in der wir leben: Wir haben jede Menge Probleme, die das Leben aller Menschen betreffen, aber die Menschheit ist kein handlungsfähiges Subjekt. Wer Menschheit sagt, will betrügen, so formulierte es der konservative Staatsrechtler Carl Schmitt. Und er fügte hinzu: In Wirklichkeit gehe es um die Frage, welchen Menschen die furchtbare Macht, die mit einer erdumfassenden wirtschaftlichen und technischen Zentralisation verbunden ist, zufallen wird. Viel spräche also dafür, nicht Anthropozän zu sagen, sondern: Kapitalozän wenn das Wort nicht ein noch größeres Ungetüm wäre. Denn nicht der Mensch und auch nicht die Menschen haben die Oberfläche der Welt, die sozialen Beziehungen und das Begehren der Menschen umgeformt. Die Arbeit von Menschen hat sie ins Werk gesetzt, aber die Kapitalmächte bestimmen bis heute die Richtung und das Tempo dieser Veränderungen. Nicht die Technik hat die Grundlagen der Zivilisationen- die Erde, die arbeitenden Menschen und die Institutionen geformt, sondern die Art ihrer Anwendung, nicht die Produktivkräfte, sondern die Produktionsweise. Und das Mantra dieser Produktionsweise heißt unendliches Wachstum. Es ist ein utopisches Mantra, denn es verwandelt die Orte, die Institutionen und die Lebenswelt der Menschen, in U-Topien, in Un-Orte: Die Nation wird vom Gefäß der Gesellschaft zum Standort globaler Konkurrenzkämpfe; das Parlament vom Ort, an dem Bürger beschließen, wie sie leben wollen, zum Notariat für die Investorenimperative; Städte, Regionen, Fabriken werden zu Transit-Räumen, belebt oder entwohnt nach der Logik des Kapitals, die Familien zum Ort, an dem Humankapital aufgezogen und Kaufkraft generiert wird einst unübertroffen formuliert vom christlichen Demokraten Friedrich Merz: Die Kinder von heute sind die Mitarbeiter von morgen und die Kunden von übermorgen. Die schönste Eigenschaft des Menschen seine Fähigkeit zu spielen, zu musizieren, Geschichten zu erzählen oder erzählt zu bekommen ist zum Geschäftsfeld gigantischer Kapitalien geworden, die die Arenen des Kommerzsports und die Netze der Unterhaltungsindustrie betreiben. Von den christlichen Festen ganz zu schweigen. Und wen das alles traurig macht, selbst der wird noch zum Wachstumsfaktor. Depression ist die zweithäufigste Krankheit und ein neues, lukratives Geschäftsfeld. Das Ganze ist eine Teufelsmaschine so sagte es der große bürgerliche Wissenschaftler Max Weber, eine Maschine, die erst zur Ruhe kommen werde, wenn die letzte Tonne Erz mit der letzten Tonne fossilen Brennstoffs geschmolzen sein wird. Und diese Teufelsmaschine hat auch die Arbeit selbst verändert, und mit ihr die Menschen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten hat sich, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, die qualifizierte Arbeit, die an den Körpern, den Fähigkeiten, den Erfahrungen der Menschen klebte, von ihnen abgelöst. Zunächst bei der Herstellung von Dingen: Die Geschicklichkeit der Hand verschwand in den Maschinen, die Muskeln wurden von Dampfmaschine und Elektrizität ersetzt. Automaten traten an die Stelle von Auge, Tastsinn und Erfahrungswissen. Natürlich war das ein Fortschritt und eine Befreiung von Körper und Seele tötender Plackerei, aber sie hat ihren anthropologischen Preis: Der Mensch als Produzent, als eigenartiges und deshalb eigensinniges Subjekt der Tätigkeit, wird zum flexiblen, passiven Rohstoff der Großen Maschine. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Individuen und die Gesellschaften. Mit der Einführung automatischer oder teilautomatischer Produktionsverfahren in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts spaltete sich die traditionelle Facharbeiterschaft in hoch qualifizierte Spezialisten und austauschbare Bedien- und Hilfskräfte. Aber wer leicht zu ersetzen ist, der verliert seine Verweigerungsmacht. Denn die Räder stehen eben nicht mehr still, wenn die starken Arme es wollen. Und nun, im 21. Jahrhundert, wälzen Informationstechnologie und Internet die Arbeitswelt erneut um. Nicht nur der Hilfsarbeiter im Lager, nicht nur die Kassiererin im Supermarkt werden ersetzbar, sondern auch das Können von Ingenieuren, Architekten und Anwälten ist nun in den Algorithmen der Software gespeichert und abrufbar. Computer stellen medizinische Diagnosen oder organisieren komplexe logistische Abläufe, Algorithmen ersetzen das Ermessen von Verwaltungsangestellten. Was derzeit
mit dem Schlagwort Industrie 4.0 oder Internet der Dinge
bezeichnet wird, signalisiert den Endpunkt dieser Entwicklung. Werkstücke,
die ihren Weg durch die Produktionsabläufe selbsttätig digital
steuern; Verteilungsnetze, die vom voll automatisierten Lager über
selbstlenkende Automobile bis zum Supermarkt fast ohne Menschen auskommen;
Sensorentechnologien, die Störungen erkennen und selbstständig
beheben, smarte Häuser, die ihre Temperatur regeln, Kühlschränke,
die melden, dass die Milch zur Neige geht und eine Bestellung aufgeben,
die von Drohnen ausgeliefert wird; GPS-Systeme, die nicht nur die automatisierten
Landwirtschaftsmaschinen über die quadratkilometergroßen
Felder der Monokulturen steuern, die mir nicht nur den Weg weisen, sondern
auch schnarren, wenn mich ein auf meine Vorlieben passendes Schnäppchen
an der nächsten Ecke erfreuen könnte; die Algorithmen von
Facebook, google, amazon und anderen, die schon heute wissen, was mich
morgen interessiert; Kameras, die Physiognomien und Stimmen analysieren,
um Konsumpräferenzen zu erkunden. All das ist teils noch in Entwicklung,
teils durchdringt es schon heute unseren Alltag. Business at the speed
of thought, so hat Bill Gates diese schöne neue Welt vor zwei Jahrzehnten
vorausvisioniert: Produktion und Distribution in der größten
Geschwindigkeit, zu den geringsten Kosten und mit den wenigsten beteiligten
Menschen. Es gibt keine zuverlässigen Prognosen über das Ausmaß
an Arbeitslosigkeit, das daraus folgen wird. Für die USA und für
Deutschland gibt es Schätzungen, dass in den nächsten Jahrzehnten
50 Prozent der Arbeitsplätze durch das Vordringen der sogenannten
künstlichen Intelligenz wegrationalisiert werden könnten.
Niemand kann Zuverlässiges sagen, denn die wichtigste Größe
für die Geschwindigkeit des Vormarschs der Automaten und Roboter
wird der Preis der menschlichen Arbeit sein: sinkt er, lohnen sich die
Maschinen nicht, steigt er, wird wo immer es geht rationalisiert.
Noch schleppen so zeigt es ein Foto dieser Tage Tausende
von Trägern in geschulterten Kiepen Kohle aus den chinesischen
Tagebauten womöglich, um die Elektrizität zu produzieren für
die Herstellung von Computern, die in den Konsumzonen der Welt das Leben
von manueller Arbeit befreien. Noch lagern Handelsriesen wie amazon
einfache Tätigkeiten wie Adressensuchen an digitale Stücklohnarbeiter
aus mechanische Türken, wie sie ganz offiziell heißen
die für Stundenlöhne von drei Euro in einem weltweiten
Netz ackern ohne die Möglichkeit, sich zu organisieren.
Könnten sie es: Die Antwort wäre die nächste Generation
von Automaten. Technologische Optimisten verkünden wie immer: Mit
der Automatisierung fielen zwar Arbeitsplätze weg, aber im selben
Maß entstünden neue Tätigkeitsfelder. Besonders menschenfreundlich
klingt das Argument: Durch die Rationalisierung würden Arbeitskräfte
frei, vorzüglich für Dienstleistungen ob nun in der
Gastronomie, im Gesundheitswesen, in der Betreuung von Alten oder Kindern
oder im Haushalt. Aber auch die stehen unter Kosten- und Profitdruck;
bereits heute analysieren Algorithmen die Pflege in Krankenhäusern:
Männer brauchen weniger pflegerische Zuwendung, Frauen zwischen
35 und 45 am meisten alles wird auf die Minute berechnet, die
Krankenschwestern tragen Sensoren, die ihre Zuwendungszeit optimal programmieren.
Es fällt dem Denken nicht schwer, sich einen Endzustand vorzustellen,
in dem homo faber, das werkzeugproduzierende Tier, nur noch der flüssige
Rohstoff, das Gleitmittel der großen Automaten ist. Die Philosophin
Hannah Arendt schrieb schon vor einem halben Jahrhundert: In ihrem
letzten Stadium verwandelt sich die Arbeitsgesellschaft in eine Gesellschaft
von Jobholdern, und dieses verlangt...kaum mehr als ein automatisches
Funktionieren. Und so endet die Neuzeit in der tödlichsten, sterilsten
Passivität, die die Geschichte je gekannt hat. [...] Arbeit und
die in ihr erreichbare Lebenserfahrung wird zunehmend aus dem menschlichen
Erfahrungsbereich ausgeschaltet sein. Und Arendts knappes Résumé:
Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, entwickeln wir
uns zurück. In eine Tiergattung. Das Anthropozän
in solcher Perspektive wäre es die Epoche des Abschieds vom Menschenbild
nicht nur der Neuzeit, sondern auch des homo sapiens. Die Werkzeuge,
die er geschaffen hat, wären zum gigantischen Apparat einer zweiten
Natur geworden, und sein Schöpfer zum Knotenpunkt konventioneller
Reaktionen und Funktionsweisen zusammenschrumpfen, die sachlich von
ihm erwartet werden. Das ist der Befund von Horkheimer und Adornos
Dialektik der Aufklärung. An Schwarzen Utopien ist kein Mangel.
Aber wie steht es um die Gegenkräfte? Sie sind so alt wie die westliche
Neuzeit. Ihre Geschichte, sagen wir realistischerweise ihre Geistesgeschichte,
ist voll von road maps für den Weg in ein Anthropozän,
das zu Recht ein Zeitalter der Menschen genannt werden könnte.
Das reicht von Immanuel Kants aufgeklärter Idee einer föderalistischen
Weltrepublik, die Ernst mit dem kategorischen Imperativ machte; und
mit dem Gedanken, dass die Oberfläche der Erde zu gleichen
Teilen das Eigentum aller Menschen ist bis zu den Blaupausen für
eine Große Transformation, für globale "New
Deals" und Klimabündnisse unserer Tage. Vom italienischen
Mönch Campanella im 16. Jahrhundert über die bürgerlichen
Ökonomen des 19. bis zum großen John Maynard Keynes und den
Technologie-Hippies an der kalifornischen Küste im 20. Jahrhundert
war die Entfesselung der menschlichen Produktivität nie ein Selbstzweck,
sondern ein Mittel zum wirklichen Reichtum, dem Reichtum an Lebenszeit
und der Freisetzung für höhere Tätigkeiten, für
Muße, menschliche Begegnungen, Spiel, Naturgenuss, Meditation.
Automation auch für Karl Marx war sie ein Werkzeug der Befreiung.
Und sein Anthropozän war eine Gesellschaft, die ihren Stoffwechsel
mit der Natur rationell regelt und unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle
bringt, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden,
ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen
Natur würdigsten Bedingungen vollzieht. Kein Schlaraffenland,
sondern ein Reich der Notwendigkeit, jenseits desselben
erst das Reich der Freiheit blühen könne. Dessen Grundbedingung
aber sei die Verkürzung des Arbeitstags. 100 Jahre
lang war diese auch die Vision der organisierten Arbeiterschaft. Heute
kämpft keine Gewerkschaft mehr dafür und das Ideal der allseitigen
Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten es klingt altbacken
und abwegig in einer Zeit, in der in Europa der Kampf um den Achtstundentag
wieder aktuell wird als wäre 100 Jahre nichts geschehen;
in einer Zeit, in der wir die Bildungsrepublik ausrufen, aber Millionen
von jungen Menschen ohne Arbeit, ohne Bildung und damit ohne Zukunft
auf den freien Markt entlassen. Die Vision von der solaren Weltgesellschaft Bildung aber ist die wichtigste Ressource der Zukunft, wenn auch nicht die Verallgemeinerung des Bildungsbürgertums, von der die humanistischen Ökonomen der Vergangenheit und die gymnasialen Studienräte bis vor kurzem noch träumen mochten. Heute geht es darum, ein massenhaftes Bewusstsein für die Notwendigkeit einer zivilisatorischen Wende und die Qualifikationen für ihre Durchsetzung zu entwickeln. Denn das Aufgabenbuch für das Anthropozän ist umfassend und erschreckend. Die Vermeidung einer geohistorischen Katastrophe das ist die dringlichste, aber nicht die einzige Aufgabe. Es geht um nichts weniger als um das Management der Atmosphäre und eine Art globaler Verwaltung des natürlichen und moralischen Menschheitserbes. Die Fruchtbarkeit der Böden, die Ergiebigkeit und Sauberkeit der Meere, die Rettung der Fauna, der Schutz vor neuartigen Epidemien, die Menschenrechte, die Frauenrechte, der gleiche Zugang zu den Technologien der Gesundheit, der Kultur, die Teilhabe an den Produkten der Arbeit das sind nur einige der Probleme, die a tempo in Angriff genommen werden müssen, wenn dieses Jahrhundert nicht im Kampf aller gegen alle enden soll. Das ist nichts weniger, wenn man es zusammendenkt, als der Übergang in eine neue, postkapitalistische Produktionsweise. Eine Epochenwende, und noch dazu eine globale aber kann man nicht politisch dekretieren oder technokratisch planen. Auch heute reden Philosophen angesichts der Problemlage zwar von der Notwendigkeit einer Weltregierung. Auf dem Weg zu einer bewussten Gesamtregierung auf globalem Maßstab aber, so warnte vor dem Jahrhundert der Weltkriege Friedrich Nietzsche, würde sich die Menschheit zugrunde richten. Nur ein allgemeines Bewusstsein für die Bedingungen einer neuen Kultur könne eine ökumenische Praxis begründen. Hunderttausende von Nichtregierungsorganisationen, die seit den 70er-Jahren entstanden sind und die gegen die Verwüstung der Erde, gegen das Artensterben ebenso wie gegen unerträgliche Arbeitsbedingungen und für globalen Reichtumsausgleich, fairen Handel und Gemeineigentum am natürlichen und kulturellen Erbe der Menschheit eintreten sie sind der Anfang einer solchen Ökumene der Selbstaufklärung, des Lernens, des Gründens. Archen der Zukunft im Strudel der Klima-, der Finanz-, der Hunger- und der politischen Krisen. Oder, um das Bild technologisch auf die Höhe der Zeit zu bringen: Insassen des Raumschiffs Erde, die wissen, dass die Fahrt in die Zukunft nur gelingen kann, wenn die Passagiere den Proviant gerecht teilen und mit dem Treibstoff haushalten. Wollte man einen alles überspannenden Namen, ein gemeinsames Ziel für diese vielfältigen Aufbrüche finden, dann wäre es vielleicht: die Solare Weltgesellschaft. Eine Vision, die weit mehr umfasst als die Ersetzung fossiler durch Erneuerbare Energien: den Übergang zu einer Wirtschaftsweise, die das gemeinsame Erbe der Menschheit verwaltet, zu einer Lebensweise, deren ökologischer Fußabdruck mit dem Fortbestand der Erde vereinbar ist. Die jüngste technologische Revolution könnte diese Befreiung fördern. Algorithmen und Computernetzwerke können Menschen kontrollieren, destruktive Bedürfnisse wecken, Wachstum hochpeitschen, Drohnen lenken, jedes Jahr neue Generationen virtueller Welten und Spaßmaschinen entwerfen und vertreiben, Menschen zum passiven Gleitmittel einer amoklaufenden Wirtschaft degradieren. Aber Algorithmen und Computer können auch von harter, routinierter, geistloser Arbeit befreien, sie können die Umstellung von Energiezentralen auf dezentrale vernetzte Einrichtungen regeln, sie können öffentliche Verkehrsmittel attraktiv machen, die Systeme der Steuererhebung gerechter transparenter und effizienter machen, das Wissen der wirklichen Welt allen zugänglich machen und so Zeit gewinnen für die Arbeit am Anthropozän. Es ist so viel von Freiheit und Individualität die Rede, wenn in diesen Tagen gegen die drohende Invasion der Barbaren und gegen den Verfall der zivilgesellschaftlichen Werte von allen Seiten das Menschenbild Europas beschworen wird. Von einem europäischen Wert ist dabei, wenn ich mich nicht täusche, selten die Rede. Dabei ist er konstitutiv für die Individualität jedes Einzelnen und für die Freiheit aller: Der Mensch, so gilt es seit Aristoteles, ist von Natur und Geschichte ein zoon politicon, ein soziales und politisches Wesen, ein geselliges und ein Gesetze machendes Tier. Zur europäischen Idee des guten Lebens gehörte seit Beginn der Neuzeit die Abschaffung des Mangels durch Arbeit, Wissenschaft und Technik. Und dies zur Erleichterung des Lebens, zum Genuss der Kultur und zur Befähigung aller Menschen zur Teilnahme an der Gestaltung und Verwaltung des Gemeinwesens und seiner Institutionen. Alle Menschen sollen gleichberechtigte Bürger werden können, auch die zweibeinigen Werkzeuge, an deren Emanzipation der Sklavenbesitzer Aristoteles und die Denker des 18. Jahrhunderts noch nicht dachten. Angesichts der Skepsis auch der informiertesten Bürger, ob ihre Repräsentanten die Gestaltungsmacht über die Form der zukünftigen Technik und Lebenswelt gegen die global agierenden privatwirtschaftlichen Konzerne, Kartelle und Finanzoligarchien zurückgewinnen können; angesichts des anschwellenden, dumpfen Zweifels, ob sie das überhaupt noch wollen; angesichts der grassierenden Furcht vor einem technischen Totalitarismus und angesichts der hartnäckigen Furcht vor Konsumbeschränkung in den reichen Ländern ist die wichtigste Arbeit im Anthropozän die Instandbesetzung der erodierenden demokratischen Institutionen auf allen Ebenen. Und die wichtigste, aber derzeit knappste Ressource dafür, die Neugier, der Optimismus, die Wut und die Energie des zoon politicon. Und die optimistischste Hoffnung ist diejenige, dass es sich dabei um eine demokratische, dezentrale, erneuerbare und rechtzeitig nachwachsende Energie handelt. Und wer soll das alles machen, diese Instandbesetzung? Auf diese Frage pflegte der französische Soziologe und Aktivist Pierre Bourdieu zu sagen: Ach, Sie fragen nach dem historischen Subjekt? Nun, das sind diejenigen, die es machen.
Müssen wir umdenken und wenn ja, wie? Rudi Netzsch 11/2021 Wie gesellschaftliche
Verhältnisse unser Handeln und Denken bestimmen. Und wie wir uns
des Wandels bewusst werden können. Eine philosophiegeschichtliche
Anmerkung Wir beginnen
mit der Zeit der Aufklärung. Aus Sicht der damaligen Denker war
die Kritik an den Institutionen des Feudalismus gleichbedeutend mit
einer Kritik "künstlicher" Verhältnisse im Gegensatz
zu "natürlichen"; befreien sich die Menschen aus den
künstlichen Fesseln der überkommenen Gesellschaftsordnung,
so können sie, allein ihrer Vernunft folgend, eine "natürliche"
Gesellschaft errichten. So wird Gesellschaft als Ansammlung vieler Einzelner
verstanden, die sich vernunftgemäß, etwa durch einen Gesellschaftsvertrag,
eine dem Wohl aller dienende Ordnung geben könnten.
Der Geist unserer Zeit Zur Aktualität der Gedanken des großen Humanisten Albert Schweitzer Prof. Dr. Rüdiger H. Jung 06/2025 Der Geist unserer Zeit er hält uns im Tätigkeitstaumel, damit wir ja nicht zur Selbstbesinnung kommen und uns fragen, was dieses rastlose Hingeben an Ziele und Errungenschaften eigentlich mit dem Sinn der Welt und dem Sinn unseres Lebens zu tun habe. Nein, das ist kein dieser Tage geschriebener Satz. Das Zitat stammt von Albert Schweitzer aus seiner erstmals 1923 veröffentlichten Kulturphilosophie. Die große Gesellschaftsanalyse des vor 150 Jahren geborenen Humanisten, Orgelvirtuosen, Philosophen, Theologen und Mediziners Albert Schweitzer ist von beeindruckender Aktualität. Um das Bedrückende an dieser Aktualität zu betonen, könnte man vermutlich mit Zustimmung von Schweitzer dem Tätigkeitstaumel den Krisen- und Paniktaumel hinzufügen, mit dem die Bevölkerung politisch und medial im Angstmodus gefangen und von einer Besinnung auf den wahren Wert des Lebens abgehalten wird. Von Albert Einstein ist überliefert, dass er Schweitzer für den einzigen Menschen der westlichen Welt hielt, der in seiner moralischen Wirkung mit Mahatma Gandhi vergleichbar sei. Als Albert Schweitzer sich in den 1950er- und 1960er-Jahren im bereits hohen Alter unermüdlich gegen die atomare Aufrüstung und für ein friedliches Miteinander der Völker im Sinne seiner berühmten Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben engagierte, waren es Zeitgenossen und Mitstreiter wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Otto Hahn, Linus Paulig oder auch der Philosoph Bertrand Russel und der erste UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, die vor allem auf den Einfluss des moralischen Gewichts Schweitzers setzten. Was läge näher, als in der heutigen Zeit, wo mit schier unerträglicher Umdeutung im politischen Raum Ideologie als Moral deklariert wird, an Albert Schweitzer und seine zeitlos gültigen Gedanken zu erinnern. In das Zentrum der Überlegungen Schweitzers führt die Frage, wovon zivilisatorischer Fortschritt letztlich abhängt. Es ist nicht, wiewohl vielfach so propagiert, der technisch-materielle Fortschritt; ist es doch gerade dieser, der uns im Tätigkeitstaumel hält und unentwegt neue Möglichkeiten lebensfeindlicher und lebensvernichtender Artefakte gebiert. Entscheidend für einen wahren Fortschritt in der menschlichen Zivilisation ist die Entwicklung des Menschen zu einer in Freiheit und Verantwortlichkeit handelnden ethischen Persönlichkeit ein zentraler Begriff in Schweitzers Überlegungen. Die Lebensbejahung durch tätige Hingebung an anderes Leben sowie das Streben nach einem innerlichen Vollkommenerwerden sind die zwei Grundprinzipien und Grundbewegungen der ethischen Persönlichkeit. Schweitzer beschreibt die beiden Grundbewegungen als hingebende Liebe und stetes Bemühen um Wahrhaftigkeit gegenüber Anderen und sich selbst Werte, die auch sein eigenes Denken und Handeln bestimmten. Albert Schweitzer setzt das Individuum, den einzelnen Menschen, in einen Gegensatz zu den Kollektivitäten, wie er die gesellschaftlichen Organisationen, in die das Individuum eingebunden ist, bezeichnete. Nur das menschliche Individuum ist geistiges Sein, dem das Streben nach Werten, der unbedingte Wille zum Leben und die Fähigkeit zur Heranbildung einer ethischen Persönlichkeit innewohnen. Dazu ist keine Organisation in der Lage kein Wirtschaftsunternehmen, keine politische Partei, keine sogenannte Nichtregierungsorganisation (NGO), auch keine kirchliche Institution. Zwischen diesen Kollektivitäten und dem zur ethischen Persönlichkeit befähigten Menschen besteht ein Antagonismus, den Schweitzer nicht müde wird, als Problem für zivilisatorischen Fortschritt zu betonen. Die Ethik der ethischen Persönlichkeit will die Humanität wahren. Die von der Gesellschaft aufgestellte ist dazu unvermögend Das Ethische kommt nur im Einzelnen zustande. Kollektivitäten mit ihren eigenen Interessen fürchten die Persönlichkeit, weil der Geist und die Wahrheit, die sie stumm haben möchten, in ihr zu Worte kommen können, so Schweitzer. Deshalb sind gesellschaftliche und darin auch politische Kräfte fortwährend bemüht, die Autorität der Ethik der ethischen Persönlichkeit so viel wie möglich zu beschränken. Sie wollen Diener haben, die sich nicht auflehnen. Und weiter: Wo die Kollektivitäten stärker auf den Einzelnen einwirken, als er auf sie zurück, entsteht Niedergang. Auch nach Erscheinen dieser Warnungen, aber noch zu Lebzeiten Schweitzers, hat die Geschichte genügend Belege für seine ethische Argumentation geliefert mit Kriegen und mit Völkermorden als schrecklichen Höhepunkten kollektivistischer und im Massenwahn endender Bewegungen. Erleben wir in den letzten Jahren aber nicht erneut ein zunehmend übergriffiges Gebaren der Kollektivitäten? Erleben wir nicht gerade, dass die politisch Herrschenden sich neben einer verschärften juristischen Kautelpraxis durch Finanzierung sogenannter NGOs zusätzliche Agenten dieser Übergriffigkeit schaffen? Eine Übergriffigkeit, die um es noch einmal mit den Worten von Albert Schweitzer zu sagen den modernen Menschen zum unfreien, zum ungesammelten, zum unselbständigen, zum unvollständigen, zum humanitätslosen Wesen erziehen will. Selbst das Einstehen für Frieden und gegen Kriegstreiberei wird inzwischen verunglimpft, weil es den Interessen bestimmter Gruppen und ideologischer Wirrköpfe zuwiderläuft. Schweitzers Prinzipien für ethisches Verhalten kommen in klaren, allgemeingültigen Sätzen wie Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen daher. Der so denkenden und handelnden ethischen Persönlichkeit begegnen nicht selten ein abschätziges Lächeln und ein Vorwurf der Naivität. Bei aller Hochschätzung seiner moralischen Autorität sah sich auch Albert Schweitzer damit konfrontiert. Es ist das Schicksal jeder Wahrheit, vor ihrer Anerkennung ein Gegenstand des Lächelns zu sein Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, daß die Menschheit so lange brauchte, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen. Die Entwicklung zur ethischen Persönlichkeit ist für uns alle, die wir von anderen als humanitären Interessen im Tätigkeits-, Krisen- und Paniktaumel gehalten werden, die Herausforderung schlechthin. Wie groß diese Herausforderung ist, zeigt allein die Tatsache, dass der Mensch gut einhundert Jahre nach Schweitzers Überlegungen, nach lebensvernichtenden Diktaturen und Weltkriegen und trotz zwischenzeitlich scheinbaren Fortschritten immer noch vor dieser Herausforderung steht. Selbst in unserem Bildungssystem hat der frühe Erwerb digitaler Technikkompetenz und der durchgängige Erwerb berufsfachlicher Kompetenzen die Förderung der Entwicklung zu einer ethischen Persönlichkeit in ein Schattendasein verdrängt. Es verwundert nicht, dass Schweitzer in vielen Text- und Redebeiträgen anlässlich seines 150. Geburtstags im Januar d. J. auf seine zweifellos höchst anerkennenswerte Arbeit als Urwaldarzt im zentralafrikanischen Lambarene reduziert wird. Der merkwürdige Alte mit Schnauzbart und Tropenhelm, Pfarrerssohn aus der elsässischen Provinz, gesegnet mit vielen Talenten für eine klassische Karriere, verschmähte das Parkett des vermeintlich zivilisierten Großbürgertums und wurde zum Diener der Ärmsten im Herzen Afrikas. Das gebietet höchsten Respekt und bietet die Möglichkeit für einen verengten Blick auf die Person und ihr Lebenswerk. In Zeiten wie der heutigen, wo der Bellizismus wieder einmal Hochkonjunktur hat, ist diese Reduzierung geradezu funktional. Jetzt nur keine störenden friedensethischen Argumente. Sie könnten das inhumane, ethisch absurde Treiben einflussreicher Kräfte gefährden, gerade weil diese Argumente bei Schweitzer mit einer ungewöhnlich klaren und verständlichen Sprache nachzulesen sind. Und wie groß sind die Aufgaben, die der Geist in Angriff zu nehmen hat! Er soll wieder Verständnis für die wahre Wahrheit schaffen, wo nur noch die Wahrheit der Propaganda gilt. Es bleibt unvermindert wichtig, die Gedanken eines der größten Humanisten deutscher und französischer Sprache, des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer, lebendig zu halten. Alle wörtlichen Zitate entnommen aus Schweitzer, Albert: Kulturphilosophie. Band I und II. München 2007 (Becksche Reihe)
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